4.4 Auswertung der Schülerarbeiten

Bei fast allen entstandenen Arbeiten, sowohl bei der Papiercollage als auch bei der Herstellung des Reliefs, haben die Schüler die Collageelemente bzw. die Abdrücke der Alltagsgegenstände nach dem Bauplan von Fluginsekten den aufgestellten Kriterien entsprechend angeordnet. Hierbei wurden die besonderen Erscheinungsformen der typischen Merkmale von Fluginsekten (Dreigliederung des Körpers, am Kopf ansetzende lange, dünne Fühler, unterschiedliche Rüsselformen, Beißapparat, verlängerter Hinterleib, gegliederte sechs Beine, ein oder zwei Flügelpaare, die am Thorax ansetzten) von allen Paaren bei der Darstellung ihres Phantastischen Fluginsekts in allerdings unterschiedlicher Gewichtung berücksichtigt.

Innerhalb dieser klaren Rahmenbedingungen haben die Schüler phantasievolle ästhetische Objekte geschaffen, bei denen keine einzelne Komposition einer anderen gleicht. Dennoch ähneln sich naturgemäß die variantenreichen bildnerischen Darstellungen durch den Einsatz der gleichen, in unterschiedlichen Funktionen auftauchenden Einzelelemente.

Kein Schülerpaar wählte eine seitliche Ansicht des Flugwesens für die Darstellung. Ausnahmslos sind die Zeichenzusammenhänge der phantastischen Fluginsekten flächig in der Aufsicht erstellt. Vermutlich begründet sich dies in der deutlich erschwerten Darstellungsweise von Seitenansichten, die u.a. perspektivisch gestaltet sein müssen, wodurch einzelne Körperteile in ihrer grafischen Abbildung Verkürzungen und Überdeckungen erfahren.

Die tierfremden Bauelemente (sowohl die fotokopierten Abbildungen als auch später die realen Gegenstände) wurden von den

Schülern assoziativ aus dem Angebot ausgewählt und mit einer neuen Bedeutung (Umdeutung) belegt. Bei vielen Arbeiten wurden Einzelteile ausgesucht, die aufgrund ihrer Formgebung (rund, länglich, groß, klein) und Struktur (gezackt, liniert) dem gewohntem Bild von Insektengliedern leicht nachempfunden werden konnten. Z.B. ähneln die Dübel mit ihren zackenartigen Ausbuchtungen den mit Borsten besetzten Beinen von Bienen und der fächerartige Zuckerlöffel erinnert an einen Flügel. Beim Einsatz der Zange wird sowohl ihre Form als auch ihre eigentliche Funktion der neuen Bedeutung im Zeichenzusammenhang als Beißapparat gerecht.

Für die Darstellung von Kopf und Brustbereich sind vorwiegend runde, große, feste Formen (Zahnkranz, Kartoffelstampfer, Schleifblatt, Massageschwamm) verwendet worden. Sebastian und David wählten die Abbildung des relativ kleinen sechseckigen Schraubenkopfs, Tijen und Nikolaj die einer ovalen Muschelform, Marcel und Dilan die des länglichen Massageschwammes, der von insgesamt acht anderen Paaren ebenfalls als Brustkörper eingesetzt und in zwei Arbeiten als Hinterleib umgedeutet wurde.

Signifikant war die Auswahl der Schüler zur Gestaltung der Flügel, für die vielfach die Abbildung des Schneebesens verwendet wurde, der durch seine Formgebung und zarte Linienführung einen offenen "luftigen" (luftdurchlässigen) Charakter besitzt. Tijen und Nikolaj schnitten jeweils den Stiel dieses Küchengerätes ab und setzten ihn als Fühler ein. Die zwei verkürzten Schneebesen ordneten sie symmetrisch auf dem Brustbereich, den sie in ihrer Collage mit einem Massageschwamm gestaltet hatten, als oberes Flügelpaar an. Ihre Arbeit zeichnet sich durch ein sehr geschlossenen, kompakten Zeichenzusammenhang aus, bei dem alle Kriterien erfüllt worden sind. Andere Schülerpaare benutzten die zwei unterschiedlichen Abbildungen der Muscheln, eine ovale und eine bauchige, sich dann verjüngende Form, für die Gestaltung der Flügelpaare. Darüber hinaus kombinierten einige Schüler die Abbildungen des Schneebesens mit denen der Zuckerlöffel, wodurch wohl die divergenten Ausprägungen von Flügelformen besonders herausgestellt werden sollten. Die fächerartige Form des fotokopierten Zuckerlöffels ist, sowohl in seiner Gesamtheit unverändert als auch vom Stiel getrennt und passend zurechtgeschnitten, von mehreren Schülern als Flügelform eingesetzt worden. Zudem wurde der vollständige Zuckerlöffel als Fühler am Kopfteil angeordnet.

Größtenteils wurden die ausgewählten Einzelteile für Augen, Fühler, Flügel, aber auch Beine symmetrisch im Zeichenzusammenhang angeordnet. Überdeckungen und Überschneidungen einzelner Elemente sind besonders bei der Anordnung der Augen auf der Kopfform und auch bei der Gestaltung der Flügel zu finden. Hauptsächlich sind die als Flügel eingesetzten Collageteile so angeordnet, dass sie die ebenfalls am Thorax ansetzenden ersten Beinglieder überdecken.

Bei einigen Arbeiten sind jedoch fast alle Teile so gesetzt dass, jedes Einzelelement in seinen Umrissen vollständig zu sehen ist.

 

Shami und Dennis haben die Abbildung des Kartoffelstampfers halbiert und als Kopfform an die Abbildung des Massageschwammes (Brustkörper) angesetzt, wobei die Verbindung zum Brustkörper nicht gelungen ist. Insgesamt erscheint hier ein "zerklüfteter" Eindruck, bei dem das Wesen in seine aneinander gereihten und angeordneten Einzelteile zu zerfallen droht.

Die vorgegebene Anzahl der zu verwendenden Einzelteile (20-25) wurde von fast allen Paaren erfüllt. Drei Paare ordneten sogar 27 Collageteile an und nur ein Paar verwendete (bloß) 18 Einzelteile bei der Gestaltung. Mario und Stefan z.B. verlängerten den sich verjüngenden Hinterleib (Stachel) ihres collagierten Insekts durch zurechtgeschnittene, aneinander gereihte Kleinstteile, bis die geforderte Anzahl der zu verwendenden Teile erreicht war. Eher zufällig entstand so eine längliche, libellenartige Form des phantastischen Insekts. Andere verdoppelten die Anzahl der Beinglieder entweder mit dem gleichen Zeichen (Dübel), das verlängernd an das erste Beinglied angesetzt wurde, oder aber auch durch ein ähnliches schmales Element (längliche Bohrer oder Schrauben), welches abgewinkelt am ersten Beinglied angeordnet wurde, sodass der Eindruck eines Gelenkes entsteht.

Bei der farbigen Gestaltung der fotokopierten Collagen mit Buntstiften im weiteren Verlauf der Einheit gab jeder Schüler der in Partnerarbeit gestalteten Grafik eine individuelle Farbgestaltung. Das gemeinsam Erstellte wurde erkennbar auch als das Eigene angenommen und jeweils in Einzelarbeit weiterbearbeitet.

Die sehr gute Arbeit von Alexandra ist an dieser Stelle besonders hervorzuheben, die unterschiedliche Farben abwechselnd in die einzelnen, vorgegebenen Flächen der Einzelteile gesetzt hat. Sie benutzte dabei insbesondere die durch die Linienführung der Binnenstruktur vorgegebene Flächenaufteilung des Schneebesens, sie wendete sie auf andere Elemente an, sodass diese dadurch auch in farblich abgesetzte Segmente unterteilt (z.B. die als Fühler umgestalteten Schlüssel) wurden.

Die Erscheinungsformen der phantastischen Fluginsekten im Relief haben sich wie geplant sowohl in ihrem Gesamtbild als auch in Details im Vergleich zu denen der Collagearbeiten noch einmal weiterentwickelt und verändert. Diese Modifikationen fanden vornehmlich im Austausch von einzelnen Bauelementen für unterschiedlicher Körperteile statt, bei deren Gestaltung die Schüler durch in dieser Unterrichtsphase nicht vorliegende Materialien, (z.B. große, ovale Muschelformen) gezwungen waren, nach Alternativen zu ihrem Entwurf (Collage) für die Gestaltung zu suchen.

Die Darstellung der Flügelformen wurde im Relief von allen Paaren abweichend von der Collage-Vorlage gestaltet. Der vorher von vielen Paaren hierfür eingesetzte Schneebesen ist lediglich in einer Arbeit (David und Sebastian) dann auch im Relief als Hinterteil angeordnet worden. Die feinen hinterlassenen Grate des abgedrückten Gerätes hätten hier aber noch einmal nachgearbeitet werden müssen. Bei allen entstandenen Arbeiten (Collage und Relief) sind runde Kopfformen verwendet worden. Zudem wurden größtenteils die Einzelteile für Augen, Fühler, Flügel oder auch Beine sowohl in der Collage als auch im Relief symmetrisch im Zeichenzusammenhang angeordnet.

Während das Collageninsekt von Tijen und Nokolaj mit zwei Flügelpaaren ausgestattet ist, findet sich im Relief leider nur ein Flügelpaar, welches durch ein Nachzeichnen der Kontur und Abdrücken von Schraubköpfen gestaltetet wurde.

 

Debby und Cihans Collage und Reliefplatte sind sich sehr ähnlich. Die in der Collage für den Brustbereich eingesetzten Muschelbilder sind zwar beim Reliefieren durch ein rundes Metallteil ausgetauscht worden und das vorher mit Abbildungen von Muscheln gestaltete Flügelpaar wurde mit Ton aufmodelliert, aber der Gesamteindruck ist gleichartig. Für den Hinterleib wurde ebenfalls nicht wie in der Collage der Massageschwamm verwendet, sondern ein längliches, kantiges Metallteil, aber die schräge Anordnung des Hinterleibs wurde auch hier beibehalten.

Dilan und Marcel

Debby und Cihan

Sebastian und David
Tijen und Nikolaj

Alexandra
Mario und Stefan

 

 4.5 Schlussbetrachtungen

Die dargestellte Unterrichtseinheit konnte durch die Arbeit in den einzelnen Sequenzen zu einem für alle Beteiligten äußerst zufriedenstellenden Endergebnis geführt werden. Alle entstandenen Arbeiten sind nun Teil der Ausstellung im Schulgebäude.

In einer kurzen schriftlichen Auswertung in der letzten Unterrichtsstunde vor den Ferien bekundeten die Schüler ihre Freude und ihren Spaß, den sie während der letzten acht Wochen in den unterschiedlichen Arbeitsgängen im Fach Bildende Kunst gehabt haben.

Besondere Erwähnung bei den Schilderungen der Schüler fand die Geschichte der außerirdischen Fundstücke, welche ja die inhaltliche Motivation zur Herstellung eines phantastischen Fluginsekts darstellte. Erfreulich war auch, dass sich die langjährige Evolu-tionsgeschichte der Fluginsekten, die durch Funde von eingeschlossenen Kleinsttieren in Bernstein und auch fossilen Entdeckungen belegt wird, beeindruckend bei den Schülern eingeprägt hat. Der somit motivierende Charakter ging bis zum Ende der Einheit nie verloren, was zur Herstellung ihrer eigenen "archäologischen Steinplatten" unbedingt förderlich war. Bei der Anfertigung einer solchen Reliefplatte, als ein erhabenes Bild, steht die Ausbildung der Formen und Konturen, die sich vom Untergrund abheben, im Vordergrund. Daher entschied ich mich für die grafische Herangehensweise in der Auseinandersetzung mit dem Thema, wobei Farbe (auch Farbenpracht und-vielfalt der Insekten) bewusst ausgeklammert, bzw. nur am Rande thematisiert wurde. Die Form- und Zeichendifferenzierung des Zeichen I N S E K T stand im Vordergrund bei der bildnerischen Gestaltung.

Die einzelnen Phasen der Umgestaltung haben sich auf die Arbeitsergebnisse der Schüler folgend ausgewirkt:

Bei der zeichnerischen Reorganisation wurden jedem Schüler die Formelemente des Fluginsekts geläufig.

Mit Hilfe des Entwurfs (Collage) konnten die Schülerpaare sehr zielstrebig arbeiten und haben insgesamt auffallend wenig Hilfestel-lung bei der Herstellung ihres Zeichenzusammenhangs gefordert.

Durch die einzelnen Gestaltungsaufgaben wurde erreicht, dass die Schüler die Fluginsekten als vorrangig komplexe Formzusammenhänge aufgebaut haben und nicht nur additiv einzelne Zeichen aneinander reihten.

Der hohe Aufforderungscharakter der Produktionsmaterialien und die Anwendung von unterschiedlichen Techniken ermöglichten zudem den Schülern auch in der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema über den langen Zeitraum ein ausdauerndes und konzentriertes Arbeiten, was sich sowohl in den theoretischen als auch den praktischen Unterrichtsphasen zeigte.

Wie erhofft und geplant konnte das Gruppengefüge durch Partner-arbeit und gegenseitige Hilfestellung positiv beeinflusst werden. Insgesamt betrachtet benötigten die Schüler eher wenig Lehrerzuwendung und konnten bei der Ausführung der einzelnen Unterrichtssequenzen sehr selbstständig arbeiten.

Die Anfertigung, insbesondere der Reliefplatten, erfolgte reibungslos und sogar beim "Aufräumen", einer generell problematischen Situation, gab es keine großen Schwierigkeiten.

Bei den vielfältigen und originellen Realisierungen der Aufgabenstellung wurden die vorgefundenen Zusammenhänge in ihren syntaktischen und semantischen Strukturen verändert. Die Anordnungen der Prägungen wurden in der Polarität zwischen Erhaltung und Veränderung des zuvor erstellten Entwurfs gesetzt, wobei das Superzeichen Insekt jedoch stets erhalten blieb!

Mit dem Ablauf der Unterrichtseinheit bin ich sehr zufrieden, da während des Unterrichtsverlaufs Möglichkeiten eröffnet wurden, ungewöhnliche Materialien und andere Unterrichtsformen (Projekttag / Teilungsgruppe und die Wiese als Unterrichtsort) zu erproben und interessante und sehr positive Unterrichtsstunden durchzuführen.

 

5 Literaturverzeichnis

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K. Eid / M. Langer / H. Ruprecht: Grundlagen des Kunstunterrichts, 3. überarbeitete Aufl., Paderborn 1994

Johannes Eucker: Kunstlexikon, Frankfurt a. M., 1995

Luris Farhat: Stundenentwurf: Plastische Darstellung von Insekten, Fachseminar BK, Berlin im Mai 2000

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Lothar Frenz: Insekten: Weltmacht auf sechs Beinen. In: GEO Heft Nr. 1, Januar 2000, S. 52-72

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Klaus Kowalski: Plastische Bilder. Zur Geschichte der Reliefgestaltung, Bd.I: Vorzeit bis Romantik, Bd.II: Gotik bis Postmoderne, Bielefeld 1997

Anna-Carola Krauße: Geschichte der Malerei. Von der Renaissance bis heute, Köln 1995

Fritz Lüdtke: Malen Zeichnen Gestalten, München 1976

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Tilman Osterwold: Pop Art, Köln 1989

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Die Urzeit &emdash; Von der Entstehung des Lebens bis zum Neandertaler, Sonderausgabe, Augsburg 1998

Welt der Insekten, in: Tiere und Pflanzen, Heft Nr. 28, keine Orts- u. Jahresangabe


Die Schüler der Klasse 5b mit ihren Kunstwerken

Die Insekten-Zeichnungen der Schüler

 

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