1 Einleitung
Unter ästhetischer Erziehung ist mehr zu verstehen als die reine Tätigkeit des Malens und Zeichnens, der Reproduktion, der Imitation oder Affirmation.
In meinem Unterricht war ich bestrebt, Bedingungen und Situationen zu schaffen, die Schülern ein ganzheitliches Lernen in der ständigen und konstruktiven Wechselbeziehung von Theorie und Praxis in einer phantasievoll betonten Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ermöglichen.
Bei der Durchführung der Unterrichtseinheit habe ich versucht in der intensiven Beschäftigung mit dem Thema Insekten und dem Einsatz von zwei verschiedenen Techniken, in denen das didaktischen Prinzip der Umgestaltung angewendet wurde, den Schülern die Möglichkeit zu eröffnen, kreativ und sensibel auf ein visuelles Problem zu reagieren, der Lösung der Aufgaben komplexer ästhetischer Probleme nachzugehen und selbstständig und partnerschaftlich ästhetisch zu agieren und dabei Zeichenzusammenhänge auf der zweidimensionalen und eingeschränkt dreidimensionalen Ebene zu organisieren.
2.1 Umgestaltung2.1.1 BegriffsklärungIn unserem Sprachgebrauch wird der Begriff der Umgestaltung im Zusammenhang von Veränderungen verwendet. Umgestalten und Verändern setzen bereits Vorhandenes voraus. Ausgehend von der im Allgemeinen akzeptierten, definierten Normalität wird über die gegenständliche Tätigkeit (Praxis) eine Veränderung der natürlichen oder gewohnten Umwelt erzeugt. Über das praktische Tun (Handeln) wird die erlebbare Wirklichkeit zugänglich; die Praxis ist Grundlage des Erkennens. Umgestaltung und Praxis hängen eng miteinander zusammen. Im praktischen Handeln vollzieht sich ein problemlösendes Lernen. Bezugnehmend auf Reinhard Pfennig, der den Begriff "Umgestaltung" seit 1959 insbesondere "für die Veränderung der Wirklichkeit durch bildnerische Denkprozesse" (Pfennig 1967, S.324) benutzt, erklären Gunter Otto und Günter Wienecke "Umgestaltung" zum didaktischen Prinzip der ästhetischen Praxis, bei dem in besonderem Maße praktisches Tun und kognitive Erkenntnisprozesse miteinander verknüpft sind (vgl. G. Otto / G. Wienecke 1974, S. 332). Eine Didaktik, die von voraussetzungslosen Gestaltungsprozessen des Kindes ausgeht (wie z.B. die Musische Erziehung der Nachkriegszeit), bewerten Otto und Wienecke als abwegig (ebd., S. 332). Auch Hartmut von Hentig stellt fest, dass eine völlige Originalität unvorstellbar ist: "Es gibt keine creatio ex nihilo für den Menschen." (v. Hentig, zit. nach Otto / Wienecke 1986, S.210) Vielmehr beruht jeglicher Gestaltungsprozess auf einer Form des Rückgriffs auf Erfahrungen (ebd., S. 341). Das bedeutet, dass wir z.B. beim Malen eines Bildes nicht völlig unbeeinflusst von bisherigen Seherfahrungen sind und all diese Erfahrungen in den Gestaltungsprozess mit einfließen.
Gleiches gilt für Gestaltungsprozesse in anderen Bereichen, wie z.B. in der Musik und der Literatur. Die Beeinflussung unseres Handelns kann auf unterschiedliche Weise geschehen: Indem Erfahrungen bei einer Gestaltungsabsicht übernommen, abgewandelt, aufgegeben werden oder sich gegen sie gewendet wird. Nach Otto / Wienecke ist demnach eine "bildnerische Leistung [...] zwischen zwei Polen lokalisierbar": dem Pol der Erhaltung und dem Pol der Veränderung (vgl. Otto / Wienecke 1974, S. 341).
Wenn Künstler sich an eine Zeittradition binden, künstlerische Vorbilder und Erscheinungen der Umwelt und Natur studieren oder ästhetische Objekte kopieren, kann man von einer Annäherung an den Pol der Erhaltung sprechen. Wenden sich Künstler gegen die Zeittradition, negieren sie künstlerische Vorbilder, modifizieren sie wahrgenommene Erscheinungen der Natur oder bedienen sie sich vorhandener ästhetischer Objekte, um sie z.B. in neue Zusammenhänge zu setzen, so findet eine Annäherung an den Pol der Veränderung statt.
Mögliche Veränderungen der Erscheinungsform Umgestaltung sind:
"die pragmatische Funktion, also die Veränderung des mit dem Zeichenkomplex an den Rezipienten übermittelten Imperativs,
die semantische Funktion, also die Veränderung der mit dem Zeichenkomplex an den Rezipienten übermittelten Bedeutung,
die syntaktische Funktion, also die Veränderung der Prinzipien, nach denen die Elemente in einem Zeichenkomplex angeordnet sind." (Ebd. Otto / Wienecke S. 343)
In der Psychologie findet das Prinzip Umgestaltung seine Entsprechung in den Begriffen Denken und Lernen und tritt in Zusammen-hang mit der Kreativitätsforschung bei Lowenfeld (1960) und Guilford (1970) auf. Lowenfeld schreibt: "Die Fähigkeit, Gegenstände, Materialien oder auch Gedanken umzugestalten und in ein neues Licht zu stellen, ist ein wichtiger Bestandteil des Schaffens-prozesses. Materialien in neuer Weise zu verwenden, sie umzugestalten und auf diese Weise neue Entdeckungen zu machen, ist das Wesen jeden Experimentierens." (Zit. nach Otto 1974, S.334) Guilford spricht von der "Fähigkeit, die Funktion eines jeden Gegenstandes zu verändern und ihn in einer neuen Art nutzbar zu machen" (ebd.), und sieht das divergierende Denken als wichtige Voraussetzung für kreatives Verhalten.
Der Begriff der Kreativität, der aus der amerikanischen Forschung übernommen wurde (Creativity), versucht im Deutschen den Begriff mit folgenden Termini zu erfassen: "produktives &emdash; imaginatives &emdash; geniales &emdash; originelles &emdash; erfindendes und entdeckendes - schöpferisches &emdash; laterales - divergentes und spontanes Denken und Verhalten." (Schiffler 1973, S. 8)
Ausgehend von den Untersuchungen zur Kreativität aus pädagogischer, psychologischer und soziologischer Sicht weist der Begriff Kreativität unterschiedliche Akzentuierungen in den verschiedenen Definitionsversuchen auf. (Vgl. Eid/Langer/Ruprecht 3.Aufl. 1994, S.167)
In der Denkpsychologie nimmt die Frage nach den Bedingungen und dem Verlauf von schöpferischem Denken einen großen Raum ein. Die zunächst psychologischen Konzepte der Kreativitätsforschung fanden seit den 50er Jahren auch den Eingang in die Unterrichtsforschungen und werden seitdem in didaktischen Modellen in der Schule angewendet. Dem didaktischen Prinzip der Umgestaltung entsprechen lernpsychologisch und denkpsychologisch relevante Prozesse, in denen Lernen durch Einsicht geschieht, Probierverhalten bei der Umorganisation von Gegebenem trainiert wird, um ein neues "Zueinanderpassen" zu erreichen, und somit ein problemlösendes Denken und Lernen auf mehreren Ebenen, z.B. der sozialen, gefördert wird.
Auf den Unterricht des Faches Bildende Kunst bezogen bedeutet dies, Inhalte und Aufgaben so zu formulieren, dass schöpferisches Denken und produktives Tun auf wirksame Weise lehrbar gemacht werden kann und die Lust am Schaffen, die intrinsische Motivation, gefördert wird. Neben der Herstellung des ästhetischen Objektes und dem Durchlaufen des damit verbundenen notwendigen kreativen Denkprozesses bewirken solche Lernprozesse "beim Lernenden eine Verhaltensveränderung, die bedeutungsvoller ist als bloße Informationsspeicherung". (Eid/Langer/Ruprecht 1994, S. 166)
Der hohe Anteil an möglichem kreativem Handlungsspielraum im Kunstunterricht ist als Chance zu begreifen, um Schüler "2zu selbstbestimmtem, kritischem und tolerantem Verhalten zu erziehen" und somit zur Ausbildung der Eigenschaften und Fähigkeiten einer kreativen Persönlichkeit beizutragen. (Ebd. S. 9)
Allgemeingültig kann man sagen, dass bei dem Prinzip Umgestaltung über den rein physischen Prozess des Zerlegens (Analysieren) und des Zusammensetzens (Synthetisieren), die zu den klassischen Gestaltungsmethoden gehören, hinausgegangen wird. Im Wechsel von Tun und Denken werden die Eigenschaften und Funktionen der Gestaltungselemente ganz bewusst, gezielt und geplant umorganisiert. Die "fremden", aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelösten Elemente erhalten in dem neu erstellten Zeichenzusammenhang eine neue Funktion und Bedeutung.
Bei der Umorganisation von bereits Vorgegebenem werden bereits gespeicherten Erfahrungen (Seherfahrungen) in lösungsadäquater Weise miteinander verknüpft. Bekanntes und Bewährtes wird in einem produktiven Akt verändert und weiterentwickelt. Das Alte hat so immer auch eine Funktion für das Neue, indem es uneingeschränkt oder teilweise übernommen, abgeändert und/oder vollständig zu Gunsten einer bisher unbekannten, neuen Idee zerstört (verändert) wird. Umgestaltung geschieht somit immer in der Polarität der beiden Extreme "Erhaltung" und "Veränderung". Vorgegebene Wahrnehmungsinhalte ästhetischen Materials werden im Herstellungsprozess verändert und das Ergebnis wird praktisch umgesetzt. Dieser Vorgang materialisiert sich an ästhetischen Objekten.
Bei der Produktion und Reflexion von ästhetischen Objekten, bei dem Wechselspiel von Tun und Schauen und der Kommunikation über ästhetische Objekte und/oder bei deren Herstellung, vollzieht sich so eine "Umorganisation oder Umstrukturierung oder Umzentrierung von Verhaltensweisen und/oder Wahrnehmungsinhalten und/oder Denkinhalten." (Otto/Wienecke 1974, S. 333)
"Die durch beabsichtigte Veränderung erzeugte Verfremdung des Bisherigen erhält im Rahmen ästhetischer Erziehung seine Bedeutung als ein Aufbrechen eingeschliffener Wahrnehmungsmuster. Verfremdung ermöglicht dadurch eine neue, unvoreingenommene und unverstellte Wahrnehmung und damit echtes Verstehen." (Burkhardt 1996, S.12)
2.1.2 Collage
Die Collage ist ein Prinzip der Gestaltung. Die Collage - wie auch die Montage - kann als eine Unterkategorie der Umgestaltung eingeordnet werden. Collage (franz. coller kleben, leimen) ist ein ganz oder teilweise aus Papierausschnitten geklebtes Bild, wobei das Collagematerial aus unterschiedlichen ursprünglichen Zusammenhängen herausgelöst und in einem neuen Zusammenhang, in einer neuen Bildrealität angeordnet wird.
Nur in ganz seltenen Fällen sind Elemente der Collage oder Montage selbst gefertigt. Die Gestaltungselemente sind meist fertige Elemente, die ausschnitthaft oder als Ganzes der Umwelt entnommen sind. Jörg Funhoff benutzt den Begriff Fertigteile: "Sie sind für sich schon >fertig<, bevor sie Verwendung in Bildern finden." (Funhoff K+U, 1970, S. 94)
Werner Schreib zählt diese bildnerische Technik zu den "halbmechanischen Bildverfahren", denn durch den Einsatz von Fertig-elementen tritt deren eigenständige Realität in den neuen Zeichenzusammenhang. (Ebd.)
Im Gegensatz zu anderen Techniken (Malerei, Druckgraphik), bei denen Bildkorrekturen sehr aufwendig sind, können bei der Collage bildnerische Realisationen in kurzer Zeit durch Austauschen und Verändern der "Bauelemente" revidiert werden. Das Prinzip der Collage beschreibt also eine Grundhaltung künstlerischen Arbeitens, die zu einem spielerisch provozierenden Umgang mit den Materialien motiviert, ein Experimentieren beim Ausschneiden, Austauschen, Verändern und Verschieben initiiert, wobei zufällige und geplante Kombinationen neue Bildideen entstehen lassen.
Darüber hinaus beschreibt das Prinzip Collage ein Verfahren, Unterschiedliches miteinander zu kombinieren, das über die reine Ver-wendung des Materials Papier hinausgeht. In Montagen/Assembla-gen werden reale Gegenstände in die Bildträger intgriert. Franz
Mon stellte 1968 folgendes fest: "Collage transportiert vorgegebene, zivilisatorisch vermittelte Realität in eine neu zu konstituierende Kunst-Welt. Es gibt nichts Reales, das nicht Element von Collage werden könnte..." (Zit. nach L. Fischer 1982, keine Seitenangabe)
Ausgehend von den kubistischen zweidimensionalen Klebebildern zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Picasso, Braque, Ernst) wird die Collage (im weitesten Sinne unter Einbeziehung räumlicher und akustischer Mittel) eine der vielfältigsten Ausdrucksformen der Kunst. Das Prinzip Umgestaltung findet sich seither in Fotocollagen (Höch, Heartfield ), Assemblagen (Schwitters, Kienholz), Montagen (Dine, Jones), Combine-Paintings (Rauschenberg), dreidimensionalen plastischen Objekten (Tanguely, Segal, Christo) sowie in den Gattungen Musik (mit dazugehörigen Videoclips), Literatur (Poesie) und Werbung wieder.
2.1.2.1 Einsatz kunstfremder Materialien
Die Verwendung kunstfremder Materialien (auch von Abfallstoffen) in den Werken der Bildenden Kunst liegt begründet in der Wandlung des Kunstverständnisses, das sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts abzeichnete. Marcel Duchamps (1887-1968) "ready-mades" und Kurt Schwitters (1887-1948) "Merzmalerei" (auch "MERZ-Kunst") trugen in den zwanziger Jahren entscheidend zur Aufwertung kunstfremder Materialien bei. Durch diesen Anstoß zur Erweiterung des Gegenstandsrepertoires der Kunst wurden die eingefahrenen Wahrnehmungsgewohnheiten und Wertmaßstäbe von Kunst aufgebrochen. Die Kunst unterliegt einer ständigen Veränderung und Erneuerung hinsichtlich ihrer Erscheinungsform. Daraus ergibt sich eine Anforderung an Produzenten und Rezipienten, ihre Wahrnehmungsmuster, Sichtweisen und Deutungsformen ständig zu hinterfragen und zu verändern.
Das künstlerische Rohmaterial der um 1912-1914 entstandenen kubistischen Konstruktionen bzw. Reliefbilder bildeten vornehmlich abgenutzte Materialien wie Blechdosen, Wellpappe, Draht oder Bindfäden. Seither findet sich Gebrauchtes und Abgenutztes in den Arbeiten vieler Künstler unseres Jahrhunderts. Wertlose Relikte und Zivilisationsabfall sind zu einem legitimen Material plastischer Gestaltung geworden. Die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandenen Skulpturen des spanischen Bildhauers Julio Gonzáles sind ausschließlich aus Metallabfällen gefertigt worden. Die amerikanische Künstlerin Louise Nelson knüpft in den 60er Jahren mit ihren Montagen aus Holzfundstücken an die dadaistischen Holzreliefs von Arp und Schwitters an. Die kinetischen Plastiken von Jean Tinguelys aus den 60er und den 70er Jahren sind vornehmlich aus Abfällen und Fundstücken angefertigt. Der Brite Tony Cragg arbeitet in den 80er Jahren mit Relikten und Fragmenten des Massenproduktionsprozesses unserer alltäglichen Gegenstandswelt und spezialisiert sich ausschließlich auf Kunststoffteile, um seine Reliefs zu gestalten.
In der Kunstgeschichte finden sich zahlreiche Belege für den Einsatz von kunstfremden Materialien in Collagen, Assemblagen und Montagen sowohl in reliefierten als auch in skulpturalen Darstellungsweisen, die an dieser Stelle aus Platzgründen nicht beschrieben werden können.
Im Experiment um eine neue Kunst und einen neuen Kunstbegriff halten sich viele Künstler seit Beginn des Jahrhunderts an bereits Bestehendes bei den Verwandlungen kunstgeschichtlicher Vorbilder zu künstlerischen Neuschöpfungen. Mit der Verwendung von trivialen Bildmitteln aus dem Konsum- und Medienbereich und der direkten Einbeziehung von Dingen der Alltagswirklichkeit in Collagen und Assemblagen kommen besonders Pop-Art-Künstler seit den 50er Jahren zu ungewöhnlichen und neuen Bild- und Objektfindungen. Für die neu erfundenen Funktionen künstlerischer Konzeptionen werden die passenden Gegenstände oder Bildinhalte gesucht. Jasper Jones bemerkte zu seinen Flaggen- und Schießscheibenbildern: "DAS FINDEN UND NICHT ER-FINDEN ZÄHLT! " (Otto / Wienecke 1986, S.211)
Im kulturellen Kontext der letzten 40 Jahre müssen wir die Führungsrolle der medialen im Gegensatz zu der realen Welt anerkennen. In diesem Zusammenhang beschreibt Kowalski "den Trend zur materiellen &emdash; und das heißt ja auch originalen &emdash; Präsentation" (...) als den "Kampf des Künstlers, mit den authentischen Realitätssplittern dem medialen Wirklichkeitssurrogat etwas Gleichgewichtiges an die Seite zu stellen". (Vgl. Kowalski 1997, Bd.II, S.215) Was heute in Werk- und Handlungszusammenhängen kombiniert wird, ist an keine disziplinäre, stilistische, formale oder materielle Begrenzung gebunden.
2.2 Relief
2.2.1 Definition &emdash; Zu Begriff und Technik
Im 18. Jahrhundert wurde das Wort "Relief" aus dem französischen in den deutschen Sprachgebrauch übernommen. Das lateinische Stammwort relevare bedeutet "in die Höhe heben" (vgl. Kowalski 1997, Bd. I, S.9). Von Relief wird gesprochen, wenn die Oberfläche ästhetischer Objekte in unregelmäßiger Folge Erhöhungen aufweist. Eine Bildidee wird auf eine flache Ebene aufgebracht und durch Einritzen, Abtragen oder Modellierungen des jeweiligen Materials werden die plastischen Konturen der Zeichnung hervorgehoben. Als ein erhabenes Bild ist das Relief der Sparte der Bildhauerkunst zugeordnet worden. Im Gegensatz zur Plastik, die frei im Raum steht, ist das Relief immer mit dem Untergrund fest verbunden und hat wie ein Bild nur eine Hauptansicht. Einige Künstler haben sich dafür eingesetzt, dass ihre Reliefarbeiten der Malerei zugehörig interpretiert werden. Somit stellt das Relief einen Zwischenzustand zwischen dem an die Fläche gebundenen gezeichneten oder gemalten Bild und der körperlichen Plastik dar.
Das Relief dient zum Schmuck und zur Gliederung von Gebäuden (Bauplastik) oder Gegenständen (Buchdeckel, Kästchen, Türen, Grabplatten) und erscheint im Laufe der Entwicklungen der einzelnen Kulturen in verschiedenen Formen.
Je nach Stärke und Höhe der modellierten Teile &emdash; dem Reliefgrad &emdash; unterscheidet man Flach-, Halb- und Hochrelief. Die häufigste Form ist das erhabene Relief. Eine Sonderform ist das "versenkte Relief", das im Alten Ägypten verbreitet war. Hierbei wurden die Bilder zwar erhaben gearbeitet, aber der Reliefgrund blieb ringsherum stehen.
Bei der Herstellung werden in der Bildnerei zwei Verfahren unterschieden: das in Stein gehauene oder in Holz geschnitzte Bildhauerrelief und das aufgebaute und modellierte und dann in Gips, Bronze oder Kunststein gegossene Plastikerrelief.
Der Bildhauer arbeitet durch das Abtragen des Materials das
Relief heraus, der Plastiker dagegen geht den umgekehrten Weg des Aufmodellierens. Durch das Anordnen von Fundstücken und Gegenständen auf einer Grundplatte (Materialmontage) lässt sich ebenfalls ein Relief gewinnen. In einem letzten Arbeitsgang werden die Reliefs oft farbig gefasst oder angemalt. In der Gegenwart werden die bisher verwendeten klassischen Materialien Ton, Bronze und Stein durch alle nur erdenklichen Fundstücke ersetzt und das Relief verliert sich im Variationsreichtum tausender von Grenzüberschreitungen.
2.2.2 Technik des Gipsreliefs in Bezug auf das Unterrichtsthema
Die Herstellung des Wandreliefs orientiert sich am Plastikerrelief und erfolgt in zwei Schritten: der Bearbeitung der Negativform und dem Abguss der Positivform in Gips.
Für die Bearbeitung der Negativform eignet sich besonders das weiche und formbare Material Ton, in das, zur Platte ausgerollt, ohne große Vorerfahrungen hineingearbeitet werden kann.
Schon einfache Geräte wie z.B. eine Gabel oder ein Schraubendreher sind dazu geeignet, in die Oberfläche Vertiefungen, Strukturen oder Muster zu ritzen. Interessante und verblüffenden Ergebnisse ergeben sich bei der Verwendung von Gegenständen, die selbst eine Oberfläche mit Strukturen besitzen.
Die gesammelten metallenen, anorganischen und organischen Fertigteile (Einzelelemente) werden in die weiche Ton-Platte ein- und abgedrückt.
Die vier Außenränder der bearbeiteten Tonplatte werden mit einem Rahmen aus Ton versehen. Erst durch diese Einfassung kann die erstellte Negativform als Gießform für die Positivform aus Gips benutzt werden
Beim Anrühren des Gipsbreis wird das Gipspulver in Wasser eingestreut (nie umgekehrt), bis sich über dem Wasserspiegel Inseln bilden. Nachdem sich das Pulver mit Wasser vollgesogen hat, kann es mit der Hand zu einer sämigen Masse vermengt werden. Zum Gießen in die Negativform darf der Gips nicht zu dickflüssig sein, um gleichmäßig bis in die feinsten Vertiefungen fließen zu können. Lufteinschlüsse werden durch leichtes Bewegen der Masse entfernt.
Während des Abbindevorgangs (durch Verfilzen der Gipskristalle) zu einer festen Masse muss die Gießform stabil und ruhig lagern und der Gips darf während dieses Vorgangs nicht bewegt werden, da er sonst bröckelig wird.
Der im Unterrichtsvorhaben verwendete Baugips benötigt etwa 20-30 Minuten zum Abbinden. Nach dieser Zeit wird der gesamte Block, Negativ- und Positivform, umgedreht und die nun oben liegende weiche Tonform von der harten Gipsplatte abgetrennt. Auf der Arbeitsplatte aus Holz liegt das nun fertige Gipsrelief, welches in einem weiteren Arbeitsschritt bemalt wird.
2.3 Formanalyse der Fluginsekten
Die Insekten (Insecta) gehören zum Stamm der Gliederfüßer (Arthropoda), umfassen mindestens 2/3 aller bekannten lebenden Tierarten und bilden somit die größte und die am differenziertesten in verschiedene Ordnungen (35) und Gattungen aufgespaltene Klasse des Tierreichs. Über 800 000 Arten wurden bisher beschrieben und Entomologen vermuten, dass genauso viele bisher unentdeckt geblieben sind. Grundlage für die Fülle an Formen und Funktionen der Insekten ist das Chitin, ein leichter und dennoch fester, strapazierfähiger und äußerst formbarer Werkstoff, der zusammen mit dem Protein Sklerotin das äußere Skelett &emdash; einen Panzer - bildet.
Im Unterschied zu allen anderen Gliederfüßern sind die Insektenmit einem oder zwei Flügelpaaren ausgestattet. Sie waren die ersten Tiere, die sich in die Luft erhoben und gehörten schon im Devon (vor 350 Millionen Jahren) zu den perfekten Fliegern.
Trotz millionenfacher Variationen haben Insekten die Grundzüge des ererbten Bauplanes der Ur-Insekten (Apterygota), als typische Merkmale die Dreiteilung des Körpers in Kopf (Caput), Brustabschnitt (Thorax) und Hinterleib (Abdomen) und die sechs Beine (Hexapoda), beibehalten.
Der Kopf ist die Schaltzentrale und dient der Nahrungsaufnahme, der Thorax der Fortbewegung und der Hinterleib zur Vermehrung.
Am Kopf befinden sich die Fühler (Antennen), die in Form und Gliederzahl je nach Art sehr unterschiedlich gebaut sind, und die Augen (große Komplex- oder Facettenaugen, daneben können auf der Stirn bzw. auf dem Scheitel Nebenaugen vorkommen). Vorn am Kopf befinden sich die Mundwerkzeuge. Der ursprüngliche Ausgangstyp ist ein Beißapparat. Neben den saugenden und stechenden sowie leckenden Mundwerkzeugen gibt es eine Reihe unterschiedlicher Modifikationen hinsichtlich der Rüsselformen, des Ober- und Unterkiefers und der Lippenformen.
An den drei Brustsegmenten sitzt an der Unterseite je ein Beinpaar. Insektenbeine bestehen aus vier Hauptgliedern: Schenkel- und Schenkelring, Schiene und Fuß. Ein Fliegenfuß (Tarsus) ist mit Haken und behaarten Polstern bewehrt, die den Fliegen helfen, sich an senkrechten Decken aufzuhalten. Auf der Oberseite der Brust sitzen in der Regel zwei Flügelpaare (zuweilen auch nur ein Paar, manche Urinsekten sind auch flügellos). Die zarten durchsichtigen Häute der Flügel (Thoraxhaut) sind durch Adern verstärkt, in denen die Tracheen verlaufen. Tracheen sind winzige Löcher und Röhrchen, die von der Körperoberfläche nach innen gehen und über welche die Atmung des Tieres erfolgt. Schmetterlingsflügel sind auf der Oberseite zusätzlich mit farbigen Schuppen besetzt. Die zwei Flügelpaare der Libellen werden unabhängig voneinander bewegt, hingegen werden bei den Nachtfaltern oder Wespen die Paare synchron geschlagen. Die Fliegen besitzen nur ein Flügelpaar. Die hinteren Flügel sind zu kleinen keulenförmigen Schwingkölbchen zurückgebildet und für die Erhaltung des Gleichgewichts wichtig. Der Hinterleib besteht ursprünglich aus 11 Segmenten, die sich im Laufe der Evolution zurück- oder umgebildet haben. Am Hinterleib sind keine Gliedmaßen ausgebildet.
3.1 Begründung der Themenwahl
Bei den Vorüberlegungen zur Auswahl des Themas war der fächer-übergreifende Gesichtspunkt ein wichtiges Kriterium für die Entscheidungsfindung. Im fächerübergreifenden Kontext wird versucht die Vernetzung des meist kognitiv Erlernten in affektiv-sensomotorischen Dimensionen (Umgestaltung) zu erfahren.
In Gesprächen mit der Klassenlehrerin, die auch das Fach Biologie unterrichtet, habe ich erfahren, dass Insekten in einem besonderen Unterrichts-Exkurs behandelt wurden, der aufgrund des großen Interesses der fast gesamten Klasse stark von schülerzentrierten Aktivitäten (Referaten, Zeichnungen, Internet-Recherchen und mit-gebrachten Fotos) geprägt wurde.
Das menschliche Verhältnis zu den Kleinstlebewesen auf diesem Planeten ist nicht selten von Ekel und Abscheu, aber auch von Begeisterung und Faszination (nicht nur von Entomologen) geprägt.
Die bewundernswerte leuchtende Farbenpracht und &emdash;vielfalt dieser Spezies sowie ihre erstaunliche Formen- und Strukturfülle und ihre verblüffenden und unglaublichen Fähigkeiten sind heute für viele Menschen ein Anreiz, sich mit diesen Tieren (sammelnd oder forschend) zu beschäftigen, um so mehr über ihr Leben und ihre Entwicklung während der Evolution im Wechselspiel von Mutation und Auslese zu erfahren.
Erst die Synthese aus Anpassung und Weiterentwicklung ermöglichte das über Millionen Jahre andauernde Überleben der Fluginsekten unter Ausbildung einer unglaublichen Artenvielfalt. Unter (Aus-) Nutzung dieser vielfältigen Darstellungsformen werden der Phantasie der Schüler bei der "Kreation" der "Phantastischen Flug-insekten" schöpferische Räume eröffnet.
Die Gliederhaftigkeit der einzelnen Körpersegmente ermöglicht eine exemplarisch differenzierte ästhetische Gestaltung. Daher bietet sich der Umgestaltungsprozess am Beispiel der Fluginsekten modellhaft an.
Neben dem Hauptaspekt der Umgestaltung stehen bei der Durchführung der Unterrichtseinheit die Vermittlung unbekannter Techniken, wie die des Collagierens, und die Anwendung neuer Arbeitsweisen mit kunstfremden Materialien im Vordergrund. Die haptischen Erfahrungen mit den Materialien (Ton, Gips und den abzudrückenden kunstfremden Materialien) bilden den Schwerpunkt bei der praktischen Ausführung des ästhetischen Objekts.
Das Collagieren mit wirklichkeitsgetreuen Bildelementen greift das Interesse der Schüler an einer realistischen Wiedergabe von Dingen auf und bietet die Möglichkeit eines spielerischen und kreativen Umgangs mit Formelementen. Das Probierverhalten, das beim Collagieren der Papierteile und beim Anordnen der Spuren von abzudrückenden Gegenständen trainiert wird, hat exemplarischen Charakter in Bezug auf das Problemlösungsverhalten: handelnd denken und denkend handeln
3.2 Rahmenplanbezug
Laut Rahmenplan soll im Sinne einer ästhetischen Erziehung ein ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen angestrebt werden, welches durch praktische und theoretische Auseinandersetzungen mit Dingen aus der Erfahrungswelt der Kinder verbunden ist.
Die spezifischen Ziele des BK-Unterrichts (Grobziele) Kreativität, Sensibilität, Kommunikationsfähigkeit, Genussfähigkeit, Fähigkeit zur ästhetischen Reflexion und Fähigkeit zur ästhetischen Organisation lassen sich in der Schulrealität nicht voneinander trennen. Sie werden nicht isoliert angestrebt, sondern greifen in den komplexen Vorgängen ineinander.
Das Unterrichtsvorhaben steht im Einklang mit den im Rahmenplan festgelegten Aufgaben und Zielen des BK-Unterrichts in der Grundschule sowie für die Klassenstufe vorgesehenen Inhalten ("Tiere in der Umwelt", "Tiere in der Phantasie" und "Dinge des täglichen Gebrauchs bzw. Abfall / Müll", vgl. RP, S. 14). Das "Collagieren mit unterschiedlich strukturierten vorgefundenen
und/oder selbst hergestellten Materialien" (RP, S. 15) ist als verbindlicher Tätigkeitsbereich angegeben. Der Einsatz von kunstfremden Materialien (Gabel, Schraubendreher, Kugelschreiber, Fahrradzahnkranz, Zündkerzen) erweitert das Repertoire an Produktionsmedien im BK-Unterricht und in der Kombination mit bekannten Verfahren und Techniken entwickeln Schüler diese als "Verfahren zum Begreifen von Wirklichkeit" (RP, S.14) weiter.
Folgende im Rahmenplan aufgeführte ästhetische Probleme werden in der Unterrichtseinheit behandelt:
- "Kontinuierliche Erweiterung und Differenzierung des Vorrats an grafischen und körperhaft-räumlichen Zeichen."
- "Herstellen von komplexen Zeichenzusammenhängen."
- "Gliederung von Raum auf der Fläche durch Überdeckung."
- "Kennzeichnung von Oberflächenqualität durch... Verwendung vorgefundener grafischer ... Strukturen."
- "Körper- und Raumvorstellungen kontinuierlich erweitern und differenzieren durch Addition ....Subtraktion..." (RP, S.15)
Das Thema entspricht dem Schwerpunkt "mit Materialien und Techniken phantasievoll und spielerisch umgehen, um divergentes Denken und kreatives Verhalten auszubilden" (...) damit die Schüler ihr Wahrnehmungsvermögen und ihr bildnerisches Ausdrucksvermögen möglichst umfassend erweitern". (RP, S.2)
3.3 Planungsbedingungen
3.3.1 Institutionelle und organisatorische Bedingungen
Die Mark-Twain-Grundschule ist eine dreizügige Grundschule im Bezirk Reinickendorf und liegt am Rande der Einflugschneise des Flughafen Tegel. Über 540 Kinder aus über 20 Nationen werden, angefangen von der Vorklasse bis zur 6. Klasse, von insgesamt 34 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet.
Die Schule verfügt seit Beginn des letzten Schuljahres über zwei Neubauten mit großzügigen, gut ausgestatteten Klassen- und Fachräumen (Sprachlabor, Sachkunde-, BK- u. Werkraum). Den eigentlichen BK-Raum, der auch für den Werkunterricht genutzt wird, belegte in meinen Unterrichtsstunden die Keramik-AG. Mit dem Einverständnis der Rektorin konnte ich auf den Sachkunderaum ausweichen, der ebenfalls über die notwendige Ausstattung (Möglichkeit zur Abdunklung, Regale, Waschbecken, große Arbeitstische) und sehr gute Lichtverhältnisse verfügt.
In Absprache mit der Schulleitung und der Klassenlehrerin konnte die praktische Herstellung der Reliefplatte mit der Hälfte der Klasse (Teilungsgruppe) an jeweils einem fünfstündigen Projekttag durchgeführt werden.
3.3.2 Die Lerngruppe
In der Klasse 5a von Frau Hoffer lernen 27 Schüler, davon acht ausländische Schüler aus fünf Nationen. Seit März 2000 unterrichte ich die 11 Mädchen und 16 Jungen selbstständig im Fach Bildende Kunst wöchentlich zwei Stunden. Die Schüler akzeptieren mich als ihre Kunstlehrerin und sind mir gegenüber aufgeschlossen und freundlich.
Die Lernatmosphäre wird oft durch Unterrichtsstörungen beeinträchtigt. Das Sozialverhalten in der Gruppe ist großen Schwankungen unterworfen: An einem Montag ist die Klasse freundlich, aufgeschlossen und bereit, konzentriert mitzuarbeiten, in einer anderen Stunde "kabbeln" und ärgern sich die Schüler untereinander sehr, die gesamte Stimmung ist unruhig und sehr lernbehindernd.
Beim praktischen Arbeiten haben einige Schüler Schwierigkeiten, ausdauernd und konzentriert zu arbeiten. An den bisherigen praktischen Arbeitsergebnissen ist abzulesen, dass die Schüler bisher wenig Fachwissen besitzen und die Fähigkeiten und Fertigkeiten im sensomotorischen Bereich sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Auch im Arbeitstempo bestehen große Unterschiede.
Neben einem Großteil selbstständig arbeitender Schüler fordern andere sehr intensive Hilfestellung und viel Zuspruch beim praktischen Arbeiten. Das relativ große Leistungsgefälle in der Klasse zeigt sich sowohl an den praktischen Arbeitsergebnissen als auch an der einzelnen Arbeitshaltung dem Fach gegenüber. Eine kleine Gruppe beteiligt sich regelmäßig am Unterrichtsgespräch. Insgesamt wird die mündliche Mitarbeit in Reflexionsphasen zunehmend besser. Neuen Materialien und anderen Arbeitsformen gegenüber sind die Schüler sehr aufgeschlossen.
3.3.3 Sachstrukturelle Voraussetzungen
Das Fach Bildende Kunst wurde bislang in dieser Lerngruppe von den jeweiligen Klassenlehrerinnen unterrichtet, deren Fachausbildung in anderen Disziplinen stattfand. Vielfach wurden beim praktischen Arbeiten ideenreiche Bildinhalte mit den eher klassischen Produktionsmedien (Blei-, Bunt- und Filzstiften oder Deckfarben) umgesetzt.
Die Zeichenfertigkeit und der Einfallsreichtum der Schüler bei der Formdifferenzierung ihres bisher angeeigneten Zeichenrepertoires sind nicht sehr stark ausgeprägt. Auch ihre Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer sind beim Anfertigen praktischer Arbeiten sehr begrenzt, ihre Frustrationstoleranz ist nur schwach ausgeprägt, ihre Einstellung zu Unterrichtsinhalten ist aber meist als aufgeschlossen und interessiert zu charakterisieren.
In der vorherigen Unterrichtseinheit "Schreiben und Zeichnen wie die alten Ägypter" zeigte die Lerngruppe durch eine große Bereitschaft im Umgang mit Werkzeugen aller Art, die von den üblichen Materialien Bleistift, Pinsel, Deckmalfarben und Papier abwichen, eine positive Einstellung gegenüber neuen Produktionsmaterialien (Gips, Schraubendreher) und anderen Techniken (Gipsgießen, Einritzen von Bildzeichen).
Die Handhabung des Werkstoffes Gips (Anrühren, Gießen, Aushärtenlassen, Abschleifen, Einritzen, Bemalen) haben die Schüler in dieser Unterrichtseinheit erstmals kennen gelernt. Die Verwendung von unterschiedlichen Werkzeugen zum Einritzen der Bildzeichen in die Gipsplatte und das Schleifen der Plattenkanten hat ihre Neugier geweckt und einen starken Aufforderungscharakter gehabt. Die entstandenen Arbeiten sind zu vergleichen mit der "versenkten Form", der Sonderform der Reliefgestaltung, wie sie im alten Ägypten üblich war. Inhaltlich stand dieser Unterrichtsgegenstand im direkten Bezug zu dem im Geschichtsunterricht behandelten Thema der Hieroglyphenschrift im alten Ägypten.
In der folgenden Aufgabenstellung wendeten die Schüler die Technik des Frottierens an und sollten in dieser Weise für verschiedenartige Oberflächenbeschaffenheiten und Strukturen von unterschiedlichen Gegenständen sensibilisiert werden. Bei diesem Verfahren übten die Schüler gleichzeitig das selektive Auswählen von Gegenständen aus einem vielfältigen Materialangebot sowie die Erprobung unterschiedlicher Objekte für den gezielten Einsatz im weiteren praktischen Unterrichtsverlauf.
Die Technik des Collagierens hat die Lerngruppe in einer Vorübung kennengelernt. Das Ausschneiden, Anordnen und Aufkleben hat ihnen zum größten Teil der Zeit Spaß und Freude bereitet. Leider jedoch probierten sie nur selten verschiedenartige Anordnungen der Collageteile aus. Oft entschieden sich die Schüler für die erste Kombination zweier oder mehr Teile und klebten diese sofort auf.
Mit dem Material Ton haben nur wenige der Schüler in einer Arbeitsgemeinschaft der Schule erste keramische Erfahrungen gemacht.
Fachlich besteht bei den Schülern aus dem Biologieunterricht ein zwar begrenztes, aber gefestigtes Wissen über die Insekten. Ein wichtiges Entscheidungskriterium für dieses Thema war vor allem aber auch deren emotionale Bindung an Insekten, die sich mir durch ein gleichbleibend großes Interesse zeigten. Anknüpfend an den Exkurs im Biologie-Unterricht können die Schüler ihr Vorwissen erweitern und vertiefen.
3.4 Begründung der methodischen Grundsatzentscheidungen
Die Unterrichtseinheit (UE) ist in drei aufeinander aufbauende Phasen gegliedert, in denen unterschiedliche Ebenen von Umgestaltungsprozessen (UG) stattfinden.
Phasenaufbau:
Die Anwendung der unterschiedlichen Techniken ermöglicht bei der praktisch-ästhetischen Arbeit die Auseinandersetzung über verschiedene Zugangswege zu dem Thema Insekt.
Zugleich soll die Unterrichtseinheit Möglichkeiten der gemeinsamen Auseinandersetzung mit ästhetischen Problemstellungen bieten und auf der sozialen Ebene ein partnerschaftliches Miteinander in einer konstruktiven Zusammenarbeit fördern. Die unterrichtli-chen Schritte wurden also auch unter dem Aspekt der Sensibilisierung der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung des Partners gestaltet. Diese Unterrichtsinhalte wurden in Anknüpfung an erste "Aktionstage" zu diesem Thema ("Soziales Lernen", "Wir werden eine Klassengemeinschaft") am Ende des 5. Schuljahres gewählt.
Das Grundgerüst der Fluginsekten bildet den stets verbindlichen Ausgangspunkt und bietet so die ständige Orientierung bei den vielschichtigen Veränderungsprozessen während der gesamten Unterrichtseinheit. Basierend auf der Erarbeitung und Aufstellung der veränderbaren und unveränderlichen (beizubehaltenden) Elemente eines Fluginsekts im Umgestaltungsprozess ergeben sich daraus schlussfolgernd die Kriterien für die Gestaltung eines phantastischen Fluginsekts. Diese Festlegung entsteht durch die Analyse der zu beachtenden Merkmale der Fluginsekten und deren Gewichtung für das Thema (Dreiteilung des Körpers in Kopf, Brust, Hinterleib, Fühler und Mundwerkzeuge, Flügelpaare, Stachel). Dies wird für die Schüler überschaubar auf einem plakatgroßen Blatt Papier dokumentiert.
Nun werden anhand von ausgewählten, stark vergrößerten Schwarz-Weiß-Schemazeichnungen einzelner Körperteile von Fluginsekten Beispiele der Erscheinungsform vorgestellt, um Anregungen für die Erweiterung des Zeichenvorrates zu geben. Unmittelbar darauf werden den Schülern zwei Schwarz-Weiß-Lithografien des Künstlers Michael Fink im DIN-A3-Format präsentiert, die beispielhaft eine an der Realität gemessen übergroße Darstellung von Fluginsekten beinhalten. In Vorbereitung auf die schülereigenen Arbeiten und in direkter Überleitung dazu wird nun thematisiert, dass weder die originalgetreue Größendarstellung noch die detailgetreue Wiedergabe bereits bekannter und daher definierter Fluginsekten gefordert ist, sondern vielmehr neue "Mutationen von Fluginsekten" geschaffen werden sollen. In praktischer Anwendung der bisher nur in kognitiven Dimensionen erarbeiteten Fakten werden diese nun im pragmatischen Bereich umgesetzt und überprüft. Das geschieht durch die zeichnerische Umsetzung der Darstellung eines Fluginsektes mit weißer Kreide (Zuckerkreide) auf schwarzem DIN-A2-Tonpapier.
Die Verwendung der den Schülern bekannten Tafelkreide bedingt eine im Vergleich zu anderen grafischen Arbeitsmitteln wie Blei- und Filzstift oder Feder großzügige und zugleich großflächige Darstellungsform und initiiert damit eine entsprechend raumgreifende Abbildung dieser Kleinstlebewesen.
In der zeichnerischen Reorganisation der Einzelelemente versuchen die Schüler sich nun in Einzelarbeit die benannten Kriterien noch einmal bewusst zu machen und den Bauplan von Fluginsekten als gesichertes Fundament für weitere Arbeitsschritte zu verinnerlichen.
Die Initiation zur Gestaltung von phantastischen Fluginsekten erfolgt durch die Erzählung einer Geschichte über metallene Fundstücke, die in einem eingeschlagenen Meteoriten auf unsere Welt gelangt und von Geologen geborgen worden waren. Zusammen-setzen konnte man diese fremdartigen Teile nach dem bekannten Bauplan der heimischen Insekten, sodass auch hier wieder auf das oben angeführte und erarbeitete morphologische Grundgerüst zurückgegriffen werden kann.
Das weltliche Kleinstlebewesen mutiert trotzdem aufgrund des Umgestaltungsprozesses in der Papiercollage zum "Alien", bei dem die Insektenglieder durch tierfremde Einzelteile ersetzt werden. Das hierzu vorgegebene fotokopierte Collagematerial besteht aus Abbildungen von Gebrauchsgegenständen (Schneebesen, Löffel, Katoffelstampfer, Korkenzieher...), technischen Einzelteilen (Schrauben, Zahnrad, Zündkerze...) und Naturmaterialien (Muscheln, Steine, Tannenzapfen), da all diese Gegenstände der realen Umgebungswelt der Schüler entstammen, in ihrer Funktion aber aus anderen Sinnzusammenhängen bekannt sind. Die andersartige Verwendung löst neben dem Überraschungsmoment einen kreativ-motivierenden Faktor aus, der in Vorbereitung (Weiterführung) auf den Umgestaltungsprozess eine artfremde Verwendung alltäglicher Gebrauchsgegenstände nicht nur zulässt, sondern bewusst befördert.
Nun erfolgt der Prozess der Umdeutung: Aus den Schrauben oder Dübeln werden Beinglieder; aus dem Zahnrad wird der Kopf; aus dem Zuckerlöffel wird ein Flügel usw. So entsteht ein phantastisches Wesen, das es auf diesem Planeten nicht gibt, das aber doch die typischen Merkmale der Fluginsekten aufweist.
Aufbauend auf den verinnerlichten Merkmalen von Fluginsekten fertigen die Schüler ein phantastisches Insekt mit grafischem Collagematerial und differenzieren auf diese Weise ihr Zeichen für das Insekt. Die über achtzig Collageteile bieten einen großen Entscheidungsspielraum zum Auswählen und Austauschen der Elemente. In dieser Unterrichtsphase wird durch die Partnerarbeit ein stark von Kommunikation geprägter Prozess initiiert und zwar dadurch, dass sich den Partnern beim Austauschen und Verschieben vielfältige Veränderungen und Lösungsmöglichkeiten bieten, über deren Alternativen und Entscheidungen sich diese argumentativ einigen müssen.
Die Papiercollage ist der Entwurf für das Relief. Daher werden den Schülern für die Veränderung der Zeichen Abbildungen der Gebrauchsgegenstände vorgegeben, die teilweise auch beim
Reliefieren zur Auswahl stehen.
Die Planung ist so angelegt, dass sich der Zeichenzusammenhang beim Reliefieren jedoch noch einmal verändern muss, da einige in der Abbildung "hochkopierte" Gegenstände als reale Gegenstände in dieser Größe nicht vorhanden sind oder andere sich nicht für die Technik des Prägens eignen. Eine exakte Übernahme (Kopie) der Collage ist somit nicht möglich, sondern es müssen in einer weiteren Auseinandersetzung mit den unüblichen Produktionsmitteln (Alltags- u. Abfallmaterialien) von den Schülern weitere Veränderungen und neue Lösungen für die Darstellung ihres Zeichenzusammenhanges erarbeitet werden. Die bei der Umgestaltung verwendbaren "Bauelemente" sind aufgrund ihres Formenreichtums (groß/klein, lang/kurz, rund/eckig) sowie der Erscheinungsform ihrer Binnenstruktur (gerillt, gewellt, gezackt, glatt, durchlöchert...), des maßgeblichen Aufwands beim Ausschneiden bezüglich des Collagevorganges sowie ihrer praktischen Handhabbarkeit beim Reliefieren ausgewählt worden.
Beim Reliefieren wird dann das Produktionsmaterial noch einmal sowohl zahlenmäßig als auch durch gänzlich neue Elemente erweitert, um beim praktischen Arbeiten keine zeitlichen und inhaltlichen Engpässe entstehen zu lassen und um einen größeren Anreiz beim Schaffensprozess zu gewährleisten.
Das Relief wird nicht in einer Gegenstandsmontage gefertigt, sondern in der klassischen Form des Plastikerreliefs in zwei Schritten (Negativ- und Positivform) hergestellt. Der gestalterische Prozess erfolgt in der bildnerischen Anordnung von Spuren und Abdrücken vorgegebener Körper in Ton. Auch dieser Arbeitsvorgang wird in Partnerarbeit vollzogen, um über das gemeinsame Tun das positive Element der gegenseitigen Hilfeleistung und Unterstützung zu erfahren ("Gemeinsam sind wir stark!").
Die meisten zu verwendenden metallenen Gegenstände sind Zivilisationsabfall und stammen vom Schrottplatz. Neben den kleinen Einzelteilen, die einst zu einem Ganzen (Auto, Fahrrad) gehörten, werden auch Schneebesen, Tannenzapfen, Muscheln und Lego-
steine als Produktionsmaterial zur Auswahl bereitgestellt. Die Technik des Abdrückens und Prägens kann ohne technischen Aufwand leicht in dem weichen und formbaren Material vorgenommen werden. Anders als bei der zweidimensionalen Papiercollage wird neben der Oberflächengestaltung im Ton auch in die Tiefe gearbeitet, um das Volumen des Wesens herauszubilden.
In Einzelarbeit sollen die Schüler nun im Materialexperiment die unterschiedlichen Eigenschaften der Gegenstände und deren Einsatzmöglichkeiten im gestalterischen Prozess erproben. Im Wechselspiel von Reflexion und Produktion sollen sie überprüfen, welche Abdrücke und Spuren die von ihnen verwendeten Gegenstände hinterlassen und in welcher Funktion sich diese für den Einsatz im Zeichenzusammenhang eignen. Die Einzelarbeit bedingt eine zunächst nur innerlich stattfindende Auseinandersetzung eines jeden Schülers mit sich selbst, die Fähigkeit zur Entscheidungsfindung ohne Beratung und Diskussionsmöglichkeit wird so geschult. Die in Einzelarbeit gemachten Erfahrungen der Materialuntersuchungen fließen dann aber wieder in die partnerschaftliche Arbeit aller folgenden Arbeitsprozesse ein.
Die Herstellung der Negativ- und Positivform muss unmittelbar nacheinander erfolgen, damit sich die noch weiche Tonplatte später problemlos von der erhärteten Gipsplatte ablösen lässt. Daher kann die Fertigung nur an einem Projekttag durchgeführt werden. Zudem überschreitet der zeitliche Aufwand für diese beiden Arbeitsschritte den üblichen Rahmen von wöchentlich 90 Minuten Unterrichtszeit im Fach Bildende Kunst. Das Material der nach der Ablösung zerstörten Negativform (der Ton) kann und muß aus ökonomischer Sicht für die zweite Projektgruppe wieder verwendet werden.
Der einheitliche Abguss aller Negativformen der Schülerarbeiten erfolgt mit Baugips, wodurch und wobei der Gips im Verlaufe des Abbindeprozesses die Farbe des feuchten roten Tons annimmt. Dieser bewusst gewünschte Effekt soll eine zusätzlich motivierende Wirkung auf die Schüler haben, da die Positivform aufgrund ihrer Farbgebung einem archäologischen Fundstück ähnelt und so eine logische Verbindung zur Eingangsgeschichte herstellt.
3.5 Intentionen
3.5.1 Intentionen im kognitiven Bereich
Die Schüler sollen
- sich die bereits erlernten Kenntnisse im Fach Biologie über die Millionen Jahre alten Baupläne der Fluginsekten erneut bewusst machen und deren relevante Strukturmerkmale benennen können,
- sich, trotz veränderter (umgestalteter) Erscheinungsformen einzelner Elemente, an der natürlichen Umwelt orientieren und das grundsätzliche Baugerüst der Fluginsekten sichtbar erhalten,
- Ordnungen zum Erfassen der natürlichen Erscheinung von Flügelinsekten erkennen, nachvollziehen und unter Berücksichtigung dieser Merkmale ihre phantastischen Insekten herstellen,
- durch das Umdeuten von fotokopierten Gegenständen neue Zeichenzusammenhänge herstellen und diese bildnerisch darstellen,
- die spezifischen Arbeitstechniken der Collage erkennen und bei der Problemlösung nutzen, um zu optimalen Ergebnissen zu kommen,
- die unproblematische, zeitlich effektive Austauschmöglichkeit der Gestaltungselemente erkennen und durch multiple Anwendungsvariationen für sich nutzbar machen,
- nach dem Probierverhalten gemeinsam mit dem Partner ein abschließendes Ergebnis finden,
- (selbst-)kritisch ihre ästhetischen Produkte anhand der benannten (definierten) Kriterien überprüfen und beurteilen,
- ihre Kenntnisse über Arbeitstechniken zur Herstellung ästhetischer Objekte erweitern und vertiefen.
3.5.2 Intentionen im sensomotorischen Bereich
Die Schüler sollen
- differenzierte Möglichkeiten bildnerischer Darstellungen bei der Anfertigung einer Zeichnung, Collage und des Reliefs ausprobieren und anwenden,
- bei der Herstellung eines phantastischen Flügelinsekts unterschiedliche Techniken, Werkzeuge und Materialien erproben und sachgerecht verwenden,
- mit Inhalten, Techniken und Materialien handelnd-ausprobierend tätig werden, um divergentes Denken und kreatives Verhalten auszubilden,
- in Absprache in partnerschaftlicher Arbeit einzelne Arbeitsschritte koordiniert durchführen,
- unter Anwendung der Prinzipien der Umgestaltung gemeinsam mit ihrem Partner ein Wandrelief herstellen.
3.5.3 Intentionen im sozial-affektiven Bereich
Die Schüler sollen
- die Verknüpfung von Unterrichtsinhalten verschiedener Fächer positiv erfahren (Biologie / BK, davor Geschichte / BK),
- die Fähigkeit entwickeln, ästhetische Objekte und Prozesse zu genießen,
- durch die eigene Produktion eine positive Haltung gegenüber dem Fach Kunst ausbilden und einen Zugang zu künstlerisch-bildhaften Ausdrucksformen anbahnen,
- Ich-Stärkung erfahren durch Erfolgserlebnisse bei der Produktion und Reflexion und die eigene Leistung als Beitrag für die Klassengemeinschaft begreifen,
- bei der Erarbeitung im Plenum und der partnerschaftlichen Herstellung des ästhetischen Objekts die Fähigkeit zur Kommunikation und Kooperation entwickeln,
- ihre soziale Kompetenz durch gegenseitige Rücksichtnahme; Absprache, Hilfestellung während der Partnerarbeit erweitern,
- das Arbeiten und die Auseinandersetzung mit dem Partner zur Findung einer gemeinsame Lösung als positiv und sinnvoll erleben,
- Soziales Verhalten als Chance begreifen, um sich als Teil einer Gruppe zu erleben,
- mit dem Unterrichtsinhalt (und den damit verbundenen Materialien und Techniken) fantasievoll umgehen und sich am spielerischen Gestaltungsprozess erfreuen.
3.6 Übersicht der Unterrichtseinheit
Montag / 1 DST
Begegnung mit dem Thema Fluginsekten
Mittwoch / 1 EZST
UB / Fr. Nagel
Herstellen einer Grafikcollage zum Thema
"Phantastisches Fluginsekt" *
Montag / 1 DST
Beenden der Collage
"Phantastisches Fluginsekt"
Freitag / 1.Projekttag /
5 EZST
Fertigung des Reliefs mit der 1. Teilungs-gruppe *
Inhalte
Theoretischer Bereich
Formanalyse Fluginsekten
Umgestaltung
Umdeuten der Abb. von Alltags-gegenständen
Umgestaltung,
Umdeuten der Abb. von Alltags-gegenständen
Umgestaltung,
Umdeuten der Alltagsgegenstände
Praktischer Bereich
Zeichnen mit Zuckerwasserkreide
Collagieren mit vorgegebenem grafischem Collagematerial
Collagieren mit vorgegebenem
grafischem Collagematerial
Abdrücken der Gegenstände, Modellieren, Gipsgießen
Bildnerischer Bereich
Zeichen-differenzierung, Anordnung, Überschneidung
Umgestaltung, Zeichenzusammen-hang
Umgestaltung, Zeichenzusammen-hang
Zeichen-, Flächen- u. Formdifferenzierung,
Zeichenzusammenhang
Sozialform
FU, PA, EA
FU, PA
FU, PA
FU, PA
Medien
Präsentation
Vergrößerte Insektenglieder,
2 Schwarz/Weiß Lithografien von M. Fink, Schülerarbeiten
Plakate, Wortkarten,
vergrößerte Collageteile,
Schülerarbeiten
Schülerarbeiten
Reliefplatte, Plakate, Tafelzeichnungen, Schülerarbeiten
Produktion
Bildkarten von Insekten, Schwarzes Zeichenpapier, Zuckerwasserkreide
Collagematerial, Styroporplatten, Stecknadeln, Schere
Collagematerial, Styroporplatten, Stecknadeln, Schere, Klebe, DIN- A3-Zeichenpapier
Ton, Gips, Holzbretter, Gegenstände zum Ein- und Abdrücken,
Lappen, Eimer
Stundenziel
Schüler analysieren Merkmale der Fluginsekten und zeichnen unter Berücksichtigung mit Zuckerkreide ein Flügelinsekt formatfüllend auf das schwarze Tonpapier.
Die Schüler gestalten nach der gemein- samen Erarbeitung an der Tafel in Partnerarbeit zum Thema phan-tastische Fluginsekten eine Papiercollage aus vorgegebenem grafischem Material, indem sie Probleme der Umgestaltung beachten.
Die Schüler beenden in Partnerarbeit die Collage unter Berücksichtigung der aufgestellten Kriterien und kleben den erstellten Zeichen-zusammenhang auf ein weißes DIN-A3-Zeichenpapier.
Die Schüler stellen gemeinsam mit dem Partner in den vorgegeben Schritten unter Berücksichtigung der inhaltlichen und formalen Kriterien ein Relief her.
Montag / 1 DST
Colloration der Collage
Freitag / 2. Projekttag / 5 EZST
Fertigung des Reliefs mit der
2. Teilungsgruppe *
Montag / 1 DST
Bemalung der Reliefplatte *
Montag / 3 EZST
Beenden der UE,
Abschlussfoto
Inhalte
Theoretischer Bereich
Farbdifferenzierung
Umgestaltung,
Umdeuten der Alltagsgegenstände
Farbdifferenzierung
Fertigstellen der "archäologischen Fundplatte", Übermalung
Praktischer Bereich
Ausmalen der fotokopierten Collagen mit Buntstiften
Abdrücken, Modellieren, Gipsgießen
Malen mit Deckmalfarben auf den Gipsplatten
Übermalen, Kanten abschleifen
Bildnerischer Bereich
Farbdifferenzierung
Zeichen-, Flächen- u. Formdifferenzierung,
Zeichenzusammenhang
Farbdifferenzierung
Vereinheitlichung der Platte
Sozialform
FU, EA
FU, PA
FU, PA
GA, PA
Medien
Präsentation
Mikroskopische Farbaufnahmen von drei Fluginsekten,
Schülerarbeiten
Reliefplatte, Plakate, Tafelzeichnungen, Schülerarbeiten
Farbabbildungen von Insekten, Schülerarbeiten
Schülerarbeiten
Produktion
Fotokopierte Collagearbeiten, Buntstifte
Ton, Gips, Holzbretter, Gegenstände zum Ein- und Abdrücken,
Lappen, Eimer
Deckmalfarben, Pinsel
Reliefplatten, aufgeschlemmter Ton, Pinsel,
Schmirgelpapier
Stundenziel
Die Schüler gestalten in Einzelarbeit die fotokopierte Gestalt der entstandenen Collagearbeit "Phantastische Fluginsekt" farbig mit Buntstiften aus.
Die Schüler stellen gemeinsam mit dem Partner in den vorgegeben Schritten unter Berücksichtigung der inhaltlichen und formalen Kriterien ein Relief her.
In Partnerarbeit bemalen die Schüler die einzelnen Elemente der erhabenen Form auf der Reliefplatte mit Deckmalfarben.
Zusammen mit dem Partner schleifen sie die Kanten ab, schlemmen die gesamte Gipsplatte mit Ton ein und präsentieren sich abschließend mit dem fertigen ästhetischen Objekt für das Abschluss-foto.
4.1 Durchführung und Auswertung der Collagestunde
Um den Stundenbeginn organisatorisch zu gewährleisten, erhielten die Schüler den Auftrag, sich zu ihrer Namenskarte im Halbkreis vor der Tafel (auf dem Stoff am Boden und auf den Hockern dahinter) zu setzen. In der Initiation wiederholten sie die wichtigsten Merkmale der Fluginsekten, die auf einem Plakat mit vorbereiteten Wortkarten gesammelt wurden. Die Schüler konnten das in der vorherigen Stunde Erlernte anbringen und die Mitarbeit, auch lernschwacher Schüler, war außerordentlich zahlreich. Die große Aufmerksamkeit und die gute Mitarbeit der Schüler im Plenum spiegelte ihre hohe Lern- und Arbeitsbereitschaft wider, die während der gesamten Unterrichtsstunde anhielt.
Als Einstieg wurden die Schüler aufgefordert, Körperteile von Insekten zu benennen, mit denen sie ihre bildnerische Gestaltung beginnen würden. Die unterschiedlichen Antworten (Kopf, Brust oder aber auch Beine) belegen die verschiedenen Herangehensweisen der Schüler. Anknüpfend an die Geschichte der fremdartigen, metallenen Fundstücke, die zackenförmig, stachelig, durchlöchert und gezackt sind und zusammengesetzt ein Fluginsekt ergeben, wurden ihnen im nächsten Schritt fotokopierte Abbildungen von Gegenstände aus der heutigen realen Alltagswelt präsentiert. Die Gegenstände sind aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und es werden ihnen in dieser Unterrichtsstunde neue Bedeutungszusammenhänge zugewiesen. Die Auswahl galt bewusst Teilen, die eine strukturierte Oberflächenbeschaffenheit haben und in ihrer Größe variabel sind, sowie eine Formenvielfalt (dünne, runde, zackige, ausladende, sich verjüngende Formen) aufweisen und sich für das Ablichten auf dem Fotokopierer eignen.
Zur klaren Übersicht und um eine eindeutige Benennung der Abbildungen zu gewährleisten waren die 12 Einzelteile auf einem weißen Zeichenpapier angeordnet und durchnummeriert. Ich forderte die Schüler auf zu überlegen und zu entscheiden, welche tierfremden Bauelemente sich für welches Körperteil von Fluginsekten einsetzen lassen. Der abgebildete Massageschwamm wurde hierbei beispielhaft als Brust, der Kartoffelstampfer als Kopf, die Schraube als Fühler, aber auch als Beinglied, von den Schülern umgedeutet.
In der Schüler-Demonstration an der Tafel sollten zwei Schüler gemeinsam aus den vorgegebenen, vergrößerten Collageteile auswählen, sie zu den gewünschten Körperteilen von Insekten umdeuten und nach dem Bauplan der Fluginsekten auf einem zweiten leeren weißen Bogen anordnen. Die restlichen Schüler waren aufgefordert aktiv an der Erarbeitung teilzunehmen. Sie wurden von dem an der Tafel agierenden Paar ausgesucht, um Fragen zu stellen, Tipps zu geben oder andere Ideen bei der Gestaltung zu erklären. Diese kooperative Herangehensweise stärkte den Teamgeist der Klasse und schaffte so gleichzeitig konstruktive Denkanstöße für die Weiterarbeit, auf deren Basis ein zweites Paar das an der Tafel entstehenden phantastische Flugwesen weiterentwickelte. Bei der gemeinsamen Erarbeitung wurden durch Lehrerimpulse die bildnerischen Problemstellungen und Vorgehensweisen bei der Technik des Collagierens (Anordnung des Zeichenzusammenhangs Insekt, Überschneidungen und Überdeckungen, Verändern und Zerschneiden der Bauteile, sodass sie in den organischen Zeichenzusammenhang Insekt nahtlos eingefügt werden können) angesprochen. Im gelenkten Unterrichtsgespräch wurden hierzu von den Schülern Lösungen verbalisiert und exemplarisch-handelnd von den an der Tafel arbeitenden Paaren umgesetzt. Die Verwendung eines speziellen Klebestiftes machte es möglich, dass sich die Collageelemente immer wieder vom Papier lösen ließen, um sie neu anzupassen.
Nun erhielt die gesamte Lerngruppe den Arbeitsauftrag für das praktische Arbeiten mit ihrem Partner. Aus organisatorischen und zeitlichen Gründen wurden die Zuordnungen der Partner bereits in der Vorstunde über das Insekten-Memory ermittelt und festgelegt.
Auf einem vorbereiteten Plakat wurden die einzelnen Arbeitsschritte der gesamten Collageaufgabe für die Schüler visualisiert, das Stundenergebnis fixiert, und - optisch abgetrennt von dieser Unterrichtsstunde &emdash; wurde auch der Ausblick auf die nächste Stunde gegeben.
Die Anzahl der auszuschneidenden Teile war in dieser Einzelstunde für jeden Schüler auf fünf begrenzt, um dann den partnerschaftlichen Arbeitsprozess des Collagierens mit zehn Einzelteilen zu initiieren. In der Fortführung der angefangenen Arbeiten in der folgenden Unterrichtssequenz wurde dann die Anzahl der zu verwendenden Gesamteinzelteile des phantastischen Wesens auf insgesamt 25 erhöht, um die Anzahl für kreative Herstellungsprozesse variantenreicher gestalten zu können.
Da nicht alle Abbildungen auf den Ausschneidebögen mehrfach bzw. in der jeweils erforderlichen Anzahl vorhanden waren, gab ich den Schülern den Hinweis, mit anderen Paaren einen "Tauschhandel" durchzuführen. Ein Schülerpaar (Jana und Dominic) benötigte für die Darstellung des zweiten Flügels eine weitere Abbildung des Schlüssels. Diese konnten sie bei einem anderen Paar (Sebastian und David) gegen zwei "große Muscheln" eintauschen. Das Jungenpaar reihte ihre zwei dazu erworbenen Muscheln zu ihren bereits vorhandenen Abbildungen und entwickelte in dem Zeichenzusammenhang ein phantastisches Wesen mit vier Flügeln, das in seinem Erscheinungsbild ein wenig an einen Schmetterling erinnert.
Insgesamt arbeiteten die Paare in der Objektivationsphase mit großem Eifer und Spaß. Der hohe Aufforderungscharakter des Materials und der Aufgabe wirkte für die Schüler sehr motivierend und sie arbeiteten sehr konzentriert. Die sonst in fast allen Fächern üblichen alltäglichen Unterrichtsstörungen blieben aus.
Die ausgeschnittenen Fertigteile (Collageteile) wurden auf der Styroporplatte angeordnet und mit Stecknadeln fixiert. Diese Handhabung ermöglicht einen schnellen, problemlosen Austausch der Einzelteile. Der Zeichenzusammenhang konnte somit immer wieder durch Verschiebungen und den zusätzlichen Einsatz anderer Elemente bzw. deren Austausch verändert und auch so in der nächsten Stunde weiterentwickelt werden. Denn erst in der folgenden Doppelstunde, am Ende des gesamten "Probierverhaltens", wurde die erstellte Collage als das endgültige ästhetische Produkt auf ein weißes DIN-A3-Zeichenpapier geklebt.
Der Schwerpunkt dieser Einzelstunde lag auf der Erarbeitung von Kenntnissen zu den Grundprinzipien des Umgestaltungsprozesses und fand daher vorwiegend im kognitiven Bereich statt.
Die Auswahl einzelner Materialteile zu gewünschten Körperteilen wurde unter Berücksichtigung der Kriterien für ein Fluginsekt getätigt und die Umdeutung der tierfremden Zeichen hinsichtlich ihres Einsatzes im neuen Bedeutungszusammenhang überprüft.
Dieser für die gesamte Unterrichtseinheit maßgeblich relevante Vorgang ist in seiner Abfolge von den Schülern tatsächlich nachhaltig verinnerlicht worden, sodass in der hier analysierten Stunde die erforderlichen Schlüsselqualifikationen für alle weiteren Arbeitsschritte erlernt wurden. Hierzu trugen vor allem die bewusst kleinschrittig gewählten Erarbeitungsphasen bei, die die Schüler in ihrem Lernverhalten unterstützten und die notwendigen Transferleistungen bei dem Umgestaltungsprozess erst ermöglichten.
Durch die Reaktivierung des vorhandenen biologischen Fachwissens der Schüler konnte unmittelbar darauf mit dem Einstieg in den tatsächlichen Umgestaltungsprozess begonnen werden. Hierbei erkannten die Schüler nach einem kurzen Lehrerimpuls selbstständig die Möglichkeiten einer veränderten Darstellung von einzelnen Körperteilen eines Fluginsekts mittels der präsentierten "artfremden" Objekte (fotokopierte Collageteile).
Die Umdeutung des gesamten Zeichenzusammenhanges wurde in der darauffolgenden Partnerarbeit fast ausnahmslos zuverlässig geleistet, die vorgefundenen Zusammenhänge wurden hierbei, wie unterrichtlich angebahnt, in ihren syntaktischen und semantischen Strukturen verändert.
In der Integration forderte ich die Schüler in einem weiten Impuls dazu auf, ihre Assoziationen zu den entstandenen Arbeiten zu äußern und Auffälligkeiten zu benennen. Die Schüler zeigten ein großes Mitteilungsbedürfnis ("Sieht ja aus wie ein Monster, das die Zähne fletscht") und rege Beteiligung.
Dennoch muss aber festgestellt werden, dass eine engere Gesprächsführung und Impulsgebung sinnvoll gewesen wäre, um einen Bogen zur Explorationsphase zu spannen und Ergebnisse kriteriengerechter zu sichern. In der Folgestunde griff ich diese Problematik auf und lenkte bei der Auswertung der fertiggestellten Collagen die Aufmerksamkeit der Schüler auf die Umdeutungen im syntaktischen und semantischen Bereich. In diesem Unterichtsgespräch benannten die Schüler gleichartige Collageteile und stellten fest, dass diese in den unterschiedlichen Arbeiten eine jeweils andere Bedeutung haben.
4.2 Durchführung und Auswertung des Projekttages
Der fünf Schulstunden umfassende Projekttag ist in drei aufeinan-der aufbauende Arbeitsphasen gegliedert:
- Materialexperiment,
- Herstellen der Negativform,
- Abguss der Hohlform mit Gips.
Der zeitliche Rahmen ermöglicht die sinnvolle Abfolge der aufeinander aufbauenden Schritte in unmittelbarer Handlungsabfolge.
Als Vorbereitung stellte ich im letzten Drittel der Vorstunde eine fertige Reliefplatte (die archäologische Fundplatte) vor, um einen Ausblick auf den Projekttag zu geben. Für die Schüler eher unbemerkt wurde hierbei zugleich eine weitere Form der Umgestaltung präsentiert (Umgestaltung auf der dreidimensionalen Ebene). Mit der Ankündigung der Herstellung einer solchen Platte wurde eine klare Zielorientierung für die Schüler geschaffen.
Den Schülern wurde deutlich, dass das Thema Fluginsekten weitergeführt wird, diesmal in einer anderen Technik mit anderen Materialien und Werkzeugen.
Wie von mir erwartet, äußerten sich die Schüler spontan zu Herstellung der Gipsplatte durch Vermutungen wie:
- "Reingeritzt, wie bei der Hyroglyphenschrift",
- "mit Gips aufgebaut und aufgeformt",
- "die Gegenstände in den flüssigen Gips gelegt".
Die Schüleräußerungen aufgreifend erklärte ich ihnen die zwei Arbeitsschritte der ihnen neuen Technik: erstens das Abdrücken der Gegenstände in eine Tonplatte und zweitens das spätere Abgießen der so entstandenen Hohlformen mit Gips.
Bei der gemeinsamen Betrachtung der Gipsplatte im Stuhlkreis konnten die Schüler alle für die jeweiligen Abdrücke verwendeten Gegenstände benennen. Daraufhin erhielten sie den Arbeitsauftrag, Gegenstände (z.B. Schrauben, Teesieb...), die sich gut abdrücken lassen, sowie nützliche Werkzeuge beim Arbeiten mit dem Ton (z.B. Löffel, Eisstiel, Gabel, Draht...) zum Projekttag mitzubringen.
Die Initiation des Projekttages bestand nochmals in einer kurzen Betrachtung des Reliefs (geologische Fundplatte). Nun lag der Schwerpunkt der Betrachtung auf der Untersuchung der Veränderungen im semantischen Bereich: Die Schüler erkannten die unterschiedlichen zur Prägung verwendeten Gegenstände und konnten deren neue Zeichenbedeutung auf der Platte benennen (z.B. Knoblauchpresse als Beine, Teesieb als Augen, Zündkerze als Stachel).
Im Sitzhalbkreis um den Materialtisch vor der Tafel wurden anschließend die mitgebrachten Gegenstände auf ihre Verwendung im bevorstehenden Umgestaltungsprozess hin untersucht. Dabei wurden in einer Lehrer- und Schülerdemonstration vier Gegenstände exemplarisch auf ihre unterschiedlichen Möglichkeiten, Abdrücke zu erzeugen, genau analysiert.
Die Schüler erarbeiteten hierbei unterschiedliche Möglichkeiten zur Herstellung der Abdrücke:
Man kann:
- Gegenstände in den Ton eindrücken und dabei die Materialien von verschiedenen Seiten nutzen,
- Gegenstände mit anderen Werkzeugen in den Ton treiben,
- Gegenstände auf der Tonplatte abrollen,
- Vertiefungen mit dem mitgebrachten Löffel ausheben und mit Strukturen von anderen Gegenständen füllen,
- bereits vorhandene Spuren durch Überlagerung und Verdeckung verändern oder zerstören,
- Muster durch eine Zeichenwiederholung erzeugen.
Ich demonstrierte den Schülern, wie entstandene Spuren zerstört oder auch tiefe Löcher im Ton korrigiert werden können und somit viele unterschiedliche Prägungen immer wieder neu auf der mit den Löffel oder Daumen geglätteten Oberfläche entstehen.
Im unmittelbar anschließenden Materialexperiment erprobte jeder Schüler für sich auf einer schmalen Tonplatte, welche Spuren von Gegenständen sich gut für die Verwendung bestimmter Körperelemente der Fluginsekten eignen. Bei der Auswahl der Gegenstände zeigten die Schüler eine große Zielstrebigkeit und in ihrer Experimentierfreudigkeit übersäten sie die Tonplatte mit unzähligen Abdrücken. Dies führe ich insbesondere auf die intensive Auseinandersetzung in der zuvor durchgeführten Erarbeitung und den Aufforrungscharakter der angebotenen Materialien zurück. Durch die große Anzahl der vorhandenen Produktionsmaterialien entstanden keine Engpässe beim Auswählen, und auch die Vielfältigkeit der dargebotenen und von Schülern mitgebrachten Teile ließ kaum Ermüdungserscheinungen aufkommen.
In einigen Fällen allerdings mussten die Schüler untereinander besondere Teile austauschen, da diese nur in geringer Anzahl vorhanden waren. Trotz dadurch zeitweilig aufkommender Wartezeiten funktionierte dieser Austausch aggressionsfrei und gut. Wenn sie zu lange auf den gewünschten Gegenstand warten mussten, überlegten sie sich selbsttätig Alternativen für ihr weiteres Vorgehen.
Im nächsten Arbeitsschritt wurde die Einzelplatte mit der des Partners verbunden und die Oberfläche für die Erstellung den Zeichenzusammenhangs des Fluginsekts geglättet. Dem individuellen, ungeordneten, spontanen und zufallsorientierten Ausprobieren auf der kleineren Einzelplatte folgte nun das partnerschaftliche, gemeinsam geplante Arbeiten auf der zusammengesetzten großen Platte.
Dilan und Marcel* z.B. stießen auf Probleme bei der Gestaltung der Flügel getreu ihrer Collage (1:1), denn die Muscheln lassen sich nicht abdrücken. Zur Findung der Problemlösung experimentierten sie gemeinsam, verwarfen wieder und entschieden, die Kontur der Flügelform mit einem Draht nachzuzeichnen und die Binnenform mit Abdrücken anderer Materialien zu füllen. An diesem Beispiel kann man erkennen, wie von den Schülern auftretende Probleme gemeinsam überwunden werden und zu neuen Lösungsstrategien gefunden wird.
Ibrahim und Jan-Philip** wählten dagegen hauptsächlich große, metallene Teile aus dem Materialangebot und entwickelten großen Enthusiasmus beim "Reintreiben" der Gegenstände in den Ton, wobei sie abwechselnd agierten. Die ersten Probleme traten auf beim Lösen der tiefsitzenden Formen aus dem weichen Ton, ohne dabei den gerade entstandenen Abdruck zu zerstören.
Ebenso agierten Dennis und Shami. Die beiden arbeiteten insgesamt sehr konzentriert bei der Herstellung des Reliefs und ergänzten sich bei den einzelnen Arbeitsschritten. Es ist festzustellen, dass sich der Zeichen-zusammenhang beim Reliefieren im Ver-gleich zu der Collage deutlich verbesserthat. Die einzelnen Elemente wurden im zweiten Umgestaltungsprozess so angeordnet, dass der Eindruck eines kompakten, geschlossenen Zeichenzusammenhanges enstand.
Die Sozialform der Partnerarbeit stellte die Schüler vor die Anforderung, ihre Herangehensweisen und die Auswahl des Materials zu begründen. Gerade in Situationen, in denen die Paare bei der Umsetzung der Collage-Vorlage an materialbedingte Grenzen stießen, bereicherte die Partnerarbeit den Arbeitsprozess:
Mike und Jennifer überlegten erst gemeinsam, welche Teile sie für welche Spuren abdrücken wollten. Im verbalen Plan trafen sie die Entscheidung, erst die Beine anzuordnen und die Flügel darüber zu setzen.
Bei Ebru und Benni dominierte anfangs Ebru bei der Umsetzung und Benni wollte lieber mit der Jungengruppe arbeiten. Später ergänzten sie sich bei der gemeinsamen Arbeit, wichen von ihrer Collage-Vorlage ab und waren beide mit dem Ergebnis zufrieden.
In der einzigen Dreiergruppe jedoch haben sich die Schüler die Arbeit am Relief aufgeteilt und sich dabei wenig ergänzt. Diana gestaltete ausschließlich den Kopf und zog sich dann aus der gemeinsamen Arbeit und widmete sich dem Vorbereiten des Tons für den Rahmenbau. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, aufgrund der ungeraden Schülerzahl einen Schüler einzeln arbeiten zu lassen, als eine Dreiergruppe zu bilden.
Im Team Ibrahim und Jan-Philipp zeigte Ibrahim im Verlauf des Vorgangs immer weniger Engagement und sein Partner beschwerte sich über seine Untätigkeit beim Rahmenbau und Aufräumen. Sie benötigten viel Lehrerzuwendung und Zuspruch. Den Abguss mit Gips führten sie hingegen völlig selbstständig aus.
Erstaunlich ist, das dennoch eine besonders reizvolle Arbeit entstanden ist, die sich durch Originalität auszeichnet, wenn auch nicht alle Gestaltungskriterien erfüllt wurden. Wie auch bei den Fundstücken in unserer Geschichte, welche die Geologen zusammensetzten, fanden sich nicht alle Einzelteile und einige Bindeglieder innerhalb des Insektenkörpers sind nicht vorhanden; sind fragmenthaft verloren oder im Gestein aufgelöst. (siehe Abb. vorderes Deckblatt)
Das Abtrennen der Negativform von der erhärteten Gipsplatte war der spannendste Augenblick im Verlauf des Projekttages. Die Antizipation der Positivform fiel den Schülern teilweise schwer. Umso überraschter waren sie, als sie die Negativform aus Ton vom Abguss trennten und das Relief vor ihren Augen erschien. Der Gips hatte die Farbe des roten Tons angenommen und die in den Ton getriebenen Spuren und Furchen wölbten sich jetzt so real von der gelblich braunen Positivform, als lägen sie selbst auf der Platte.
Da die Schüler bereits aus der Vorstunde Kenntnis hatten, welche Unterrichtsinhalte an diesem Vormittag erarbeitet werden sollten, konnten wir zügig mit der Arbeit beginnen. Die Arbeitstische waren von mir mit einem Holzbrett, einem nassen Lappen und Tonplatten vorbereitet, sodass die Schüler keine Zeit verloren und unmittelbar nach der gemeinsamen Phase um den Materialtisch vor der Tafel mit dem Materialexperiment an ihrem Arbeitsplatz anfangen konnten, um die "neuen" Produktionsmittel auszuprobieren.
Die Teilung der Klasse in zwei Unterrichtsgruppen erwies sich als eine optimale Voraussetzung für gute Lernbedingungen und für ein entspanntes Arbeitsklima. Die positive und produktive Arbeitshaltung der Schüler hielt den gesamten Unterrichtsvormittag an. Sie arbeiteten sehr konzentriert und es waren keine längeren Ermüdungserscheinungen festzustellen. Auch haben wir, bedingt durch die Verarbeitung des Gips (Zeit zum Anrühren, Gießen und Aushärten) unsere Pausen flexibel gestalten können, was den Bedürfnissen der Schüler entgegenkam.
Obwohl sich die zeitliche Rhythmisierung an diesem Projekttag anders als den Schülern gewohnt darbot, kam es zu keiner Überforderung der Lerngruppe. Selbst lernschwache Schüler haben fast alle Kriterien beachtet und sehr zufriedenstellende Ergebnisse erzielt. Alle Arbeitsschritte konnten an diesem Vormittag wie geplant in der vorgegebenen Zeit durchgeführt werden.
4.3 Bemalung der Reliefplatten
Die Bemalung der Reliefplatten in der Folgestunde verlief allerdings nicht optimal.
Nach der Analyse von drei farbigen, vergrößerten Insekten-Aufnah-men kolorierten die Schüler gemeinsam mit dem Partner den erhabenen Zeichenzusammenhang des phantastischen Fluginsekts mit Deckmalfarben. Trotz der besprochenen und eingeschränkten, im Tafelbild festgehaltenen Farben, ließen die Schüler ihrer Phantasie freien Lauf und malten die Einzelteile der phantastischen Insekten bunt und grell an. Dieses Ergebnis hatte ich nicht erwartet und diese unerwünschte Entwicklung innerhalb der Arbeitsphase erforderte nun einen weiteren Arbeitsschritt, der bei besserer Planung nicht nötig gewesen wäre. Um den hohen Aufforderungscharakter der Farbpalette im "Tuschkasten" entgegenzuwirken, hätten die einzelnen Farbtabletten aus dem Kasten herausgelöst werden müssen.
Ursprünglich war geplant, Farbpigmente in Erdtönen zu verwenden, um eine neue Technik einzuführen (Anmischen von Pulver mit Wasser und Binder), was aufgrund des Zeitmangels (temperaturbedingt verkürzter Unterricht) nicht realisiert werden konnte.
Das Auftragen der Deckfarben konnte innerhalb der gegebenen Zeit realisiert werden.
In der gemeinsamen Betrachtung im Sitzkreis um den Präsentationstisch, auf dem alle angemalten Platten auslagen, bemerkte eine Schülerin sofort, dass die Reliefs "ja ganz schön bunt" geworden seien und gar nicht wie uralte archäologische Steinplatten (Geologische Fundstücke) aussähen. Ein anderer Schüler stellte fest, dass die Insekten seit Millionen Jahren eingedrückt waren und ihre farbenprächtige Erscheinung im Laufe der Zeit verblaßt sein müssten. Was so alt sein sollte, könne nicht solch grelle Farben haben.
Die Schüler schlugen vor, die grelle Farbe mit Wasser abzuwaschen. Die Demonstration im Schüler-Versuch zeigte aber, dass gleichzeitig auch die Tonfarbe abgetragen wurde und der weiße Gips zu Vorschein kam.
Um den Gipsplatten wieder die Farbe eines versteinerten Fundstückes zu geben, blieb nur die Möglichkeit der Übermalung, was in unserer letzten Stunde vor den Ferien mit vorgegebenem Material draußen auf der Wiese des Schulgeländes geschah. Mit dem vorher in Wasser aufgeschlemmten und aufgelösten Ton übermalten die Partner mit großen Pinseln die gesamte Gipsplatte. Dabei wurde die wässerige Tonlasur so aufgetragen, dass die vorher mit Deckfarben angemalten Stellen zart und farblich differenziert durchscheinen. Die Schüler führten diesen Arbeitsschritt sehr sorgfältig und gewissenhaft durch. In dieser Phase der Unterrichtseinheit wurde ihnen deutlich, dass Fehlentscheidungen oftmals korrigierbar sind und zu überraschenden neuen Ergebnissen führen können.
Mit der Bewerkstelligung der letzten Arbeitsgänge an der Reliefplatte, (das Abschleifen der Kanten mit Schmirgelpapier und das Überschlemmen der gesamten Platte mit aufgelöstem Ton), beendeten die Schüler kurz vor den Sommerferien 2000 die Unterrichtseinheit.
Fortsetzung: 4.4 Auswertung der Schülerergebnisse